Der Weg der Männer

Der Weg der Männer ist sowohl ein seit 25 Jahren bestehendes Netzwerk von Initiationsmentoren als auch eine siebenteilige Seminarreihe für Männerinitation in Europa.
Diese zeitgenössische Form männlicher Initiation knüpft an die uralten Initiationstraditionen aus verschiedenen Kulturen an. Sie beruht auf der weltweit verbreiteten Überzeugung, dass Jungen anders als Mädchen nur durch das aktive Eingreifen und die Unterweisung älterer Männer initiiert und damit zu abgelösten, selbstständigen Männern werden, die mit sich im Reinen sind und die volle Verantwortung sowohl für sich selbst als auch für ihre eigenen Familien und die Gesellschaft übernehmen. Initiiert zu sein bedeutet, in das Leben und Sterben eingeweiht zu sein.

Bis heute haben sich einige hundert Männer im Alter zwischen 20 und 80 Jahren, aus unterschiedlichsten Berufen, Beweggründen und Lebensphasen auf den Weg der Männer begeben – und wirken seitdem an einer neuen und doch sehr alten Männerkultur mit.

GregoryCampbell_1_WebDie Männerinitiationsarbeit auf dem Weg der Männer geht auf den geweihten Zenmönch, Theologen und Philosophen Gregory Campbell aus den USA zurück, der seinerseits stark von der Kultur der nordamerikanischen Indianer und dem wegweisenden Werk des Dichters und Mythologen Robert Bly („Eisenhans. Ein Buch über Männer“) inspiriert wurde.

Eine kurze Geschichte, erzählt von Gregory Campbell
Ich bewundere außerordentlich den Dichter und Mystiker Robert Bly. Er schrieb ein Buch über Männer, basierend auf dem deutschen Märchen der Gebrüder Grimm „Eisenhans“. Dieses Buch zu lesen war für mich ein wahres Wunder. Ich sah darin die Notwendigkeit von ritueller gruppeninitiatorischer Arbeit, ohne die ein Mann selten, wenn überhaupt, bedeutsam reif und ehrlich mitfühlend werden kann. Und obwohl ich nie diese Art von ritueller Initiation (Einweihung) erfahren habe, entschied ich mich, sie durch das Tun zu entdecken.
Das Folgende ist eine sehr kurze Beschreibung von dem, was wir – Männer, die diesen Weg gingen, erforschten und weiter entwickelten – entdeckten: Männer (auf diesem total vernachlässigten und vollkommen vergessenen Gebiet der männlichen Reifung) trafen sich in einem Zeitraum von neun Monaten alle vier bis sechs Wochen je ein Wochenende lang. Bei jedem Treffen gab es eine Schwitzhütte. Die Riten der Übergangsarbeit zentrierten sich auf vorher angekündigte Themen wie: das grundlegendes Gutsein und die Kindheit, „Die Suche nach dem Gral“ und der Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein, Sexualität und Aufklärung, Beziehung und Partnerschaft, Eltern- und Vatersein, Beruf und Arbeit, Familie und Gemeinschaft, Tod und Sterben sowie Vision, Sinn und Lebensaufgabe. Soweit ich weiß, war dies die erste öffentliche, männerstammes-typische, an unsere Zeit und Gesellschaft angepasste Initiation in Europa seit der Zeit  der alten Kelten!
Abhängig von der Tiefe, zu der sich jeder Mann selbst öffnete und dazu bereit erklärte, entwickelte sich tiefe menschliche Reife, wie die Fähigkeit zu trauern, zu versöhnen und einzufühlen.

Der Weg der Männer und der Weg von Gregory Campbell
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Gregory Campbell wurde 1938 in den USA im Bundesstaat Washington geboren. Er besuchte eine christliche Schule sowie die christliche Universität in Tokio, wo er sich mit der Sprache und Kultur Japans vertraut machte. Als Erwachsener verglich er seine Kindheit oft mit dem Leben in einem Konzentrationslager. Daher betitelte er die bisher noch unveröffentlichte Autobiografie seiner Kindheit mit„Suicide Before The Age Of Six“ („Selbstmord vor dem sechsten Lebensjahr“).

Als junger Mann war Campbell extrem idealistisch und meldete sich freiwillig zum Armeedienst bei der Elitetruppe der US Marines. Da die USA zu dieser Zeit in keinen Krieg verwickelt waren, blieb ihm die Teilnahme an Kampfhandlungen erspart. Er kam schnell zum Schluss, dass ihn sein Idealismus aufs falsche Gleis geführt hatte, musste dessen ungeacht aber dennoch die vier Jahre abdienen, zu denen er sich verpflichtet hatte.

Später studierte er vergleichende Religionswissenschaften in Kanada. Nach Beendigung seines Universitätsstudiums wurde er Krankenpfleger und arbeitete viele Jahre an verschiedenen Kliniken, besonders intensiv mit „behinderten“ Kindern. Dies war die nächste höchst bedeutsame Erfahrung für ihn, denn er wurde sich darüber klar, dass „behinderte“ Kinder in Wahrheit spirituelle Lehrer für uns sein können.

1970 wurde er zum Buddhistischen Mönch geweiht; im Jahr 1972 machte er eine Nahtod-Erfahrung. Über 15 Jahre lang war er Übersetzer und Dolmetscher des Zen-Meisters und -Lehrers Kyozan Joshu Sasaki, der 2014 im Alter von 107 Jahren starb und zu dessen Schülern auch der Singer-Songwriter Leonard Cohen zählte. Sasaki bestimmte Gregory Campbell zu seinem Nachfolger; Campbell lehnt das Amt jedoch ab und entschied sich für ein Leben als einfacher, wandernder Mönch, das ihn schließlich nach Europa führen sollte.

Aus seiner Nahtoderfahrung ergab sich ein Verständnis dessen, was in der Bibel  als „der Frieden, der menschliches Verstehen übersteigt“ bezeichnet wird – was tatsächlich nichts anderes bedeutet als „Ewige Liebe“. Gregory Campbell gelangte auch zur Auffassung, dass wir Menschen diese „Ewige Liebe“ nur erlangen können, wenn wir hier in unserem irdischen Dasein bereit und fähig sind, ein Leben des Friedens und der Liebe zu leben.

1988 begann Gregory Campbell in Europa Vorträge und Seminare zu halten, in denen er Frauen und Männer in die Meditation ein- sowie auf einen Weg des „einfachen Lebens und bewussten Sterben“ führte. Mit den Jahren entwickelte sich die siebenteilige Seminarreihe Der Weg der Männer und in weiterer Folge eine Art Ausbildung namens Der Weg der Mentoren. Den Ausschlag dazu gab Campbells Erkenntnis, dass Meditation für die Heilung psychischer wie auch seelischer Wunden sowie für die menschliche Reifung und Vorbereitung auf den Tod allein nicht ausreicht.

Diese Initiationsarbeit sollte und soll Männern helfen, ihre Kindheitsverletzungen zu heilen, sich mit ihrer Geschichte auszusöhnen sowie die unabgelöste, adoleszente Lebensübergangsphase endlich zum Abschluss zu bringen. Warum? Um den Blick mehr nach innen zu wenden („Innenschau“), sich der latenten Gewaltbereitschaft im Umgang mit anderen bewusst zu werden und sich leidenschaftlicher im Leben, in der Familien und in Gemeinschaften zu engagieren.

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Unter Männerarbeit und unter Initiation versteht Gregory Campbell das bewusste Vollziehen eines Prozesses hin zur Transzendenz (zu Gott) und zu mehr Transformations- und Lebenskraft. Initiation ist ein ganzheitliches Erleben von entwicklungsfördernden Lebensübergängen als auch lebensverändernden Ereignissen.
Unbewusste, nicht gelebte Ablösedynamiken können uns hindern, unser Potenzial voll zu entfalten. Besonders in Umbruchsphasen (Veränderungen) und in schwierigen Situationen der Neuausrichtung (Krisen, Entscheidungen, Neuorientierung) sowie Selbstfindung (Identität, Ressourcen, Perspektiven) wird dies deutlich. Wir wachsen und verändern uns ständig und so ist es notwendig, stets das Wachstum und die Veränderungen zu beobachten und sie mit Zeremonien und Ritualen würdigend zu „beachten“. Der Weg der Männer und Der Weg der Mentoren tun dies seit nunmehr über einem Vierteljahrhundert. Zum Nachfolger Gregory Campbell und zum Linienhalter seiner initiatorischen Männerarbeit wurde Peter A. Thomaset bestimmt.

„Es zählt der Augenblick – im Jetzt da zu sein.
Im Innersten unseres Wesens ist schon längst alles vorhanden, was wir brauchen.
Sich selbst als Bewusstsein zu erleben, ist die eigentliche Quelle von Glück.“